Warum vegan?

Jeder, der sich für eine vegane Ernährungs- bzw. Lebensweise entschieden hat oder noch entscheiden möchte, hat seine eigenen Beweggründe: Der eine möchte vielleicht fit und gesund leben oder einem Trend folgen, dem anderen wiederum „tun die Tiere leid“. Für manch anderen dagegen ist die vegane Ernährungs- bzw. Lebensweise noch viel weitreichender – sie ist eine persönliche Überzeugung, geht weit über Fitness, Gesundheit und Mitleid hinaus und ist einfach mehr als nur ein Lifestyle, der möglicherweise nur aus trendigen oder kommerziellen Gründen verfolgt wird.

Diese persönliche Überzeugung für eine vegane Ernährungs- und Lebensweise setzt ein stetiges und kritisches Hinterfragen seines eigenen Denkens und Handelns sowie das Wissen um Ausbeutung von Tier, Umwelt und Mensch voraus.

Inhaltsübersicht:

1. Veganismus – eine ganz persönliche Überzeugung
2. Worauf ist ein jeder bereit zu verzichten?
3. Überzeugung, Ideologie, Religion, Zeiterscheinung? Was denn nun?
4. „Dann ess und leb ich eben fair und bio!“

Veganismus – eine ganz persönliche Überzeugung

Für mich persönlich geht es bei der veganen Ernährung primär nicht darum, eine gesunde Lebensweise zu verfolgen, „fit und aktiv“ zu bleiben bzw. zu werden oder um profane Tierliebe – das wäre für mich die falsche Motivation. Mir geht es neben dem – ganz klar – tierquälerischen Hintergrund um eine ganzheitliche und nachhaltige Denkweise: Eine bewusste, besonnene und kritische Betrachtungsweise auf die Gesamtproblematik, also eben Tierschutz und Nachhaltigkeit, aber auch Umwelt- und Ressourcenschutz und somit Zukunftssicherheit. Deshalb ist Veganismus für mich mehr als nur ein „Lifestyle“ (ich vermeide den Begriff „Lifestyle“ im Übrigen sehr gern, weil er für mich Sinnbild eines vorübergehenden und kommerziellen Trends ist, der leicht ersetzbar ist und daher häufig nicht aufrichtig und energisch genug verfolgt wird).

Zu behaupten, man liebe Tiere, um dann im nächsten Augenblick im Fast-Food-Restaurant um die Ecke – perfide ausgedrückt – in 1 Minute einen 1-Euro-Fleischburger herunterzuwürgen, ist daher sicherlich nur ein oberflächlicher „Lifestyle“ ohne Nachhaltigkeit.

In diesem Zusammenhang fallen mir einige Menschen ein, die stets behaupten, wegen der schlechten Arbeitsbedingungen würden sie den Versandgroßhandel „Amazon“ meiden. In meinen Augen jedoch haben die Amazon-Beschäftigten häufig eine Wahl bzw. können sie selbst entscheiden, für wen sie arbeiten möchten. Tiere in der Massen- und Biohaltung hingegen haben keine Wahl, dennoch werden ihr Fleisch und ihre Milch von den Amazon-Gegnern nicht gemieden – oder sind alle Amazon-Gegner Veganer?

Auch daherzukommen und zu sagen „O je, der Analogkäse schmeckt ja gar nicht wie echter Käse.“ oder sich an den Tisch zu setzen und zu erwarten, dass das Sojasteak ja gar nicht wie im Steakhouse schmeckt, hat das Prinzip der veganen Ernährungs- und Lebensweise nicht verstanden, und diese Herangehensweise ist sicher eine falsche, um sich an eine vegane Ernährungs- und Lebensweise zu wagen.

So sollte bei all der Überzeugung definiert werden, was genau „vegan leben“ bedeutet. Gehört hierzu nicht mehr als nur der Verzicht auf tierische Lebensmittel und Produkte? Setzt das nicht gleichzeitig auch ein globales Denken und Handeln sowie eine gewisse Autarkie voraus? Müssen wir beispielsweise nicht auch die Textilindustrie und Landwirtschaft in den Entwicklungsländern sowie die globale Klimapolitik in unser täglich Denken und Handeln integrieren?

Keine Frage – Veganismus erfordert eine gewisse Empathie und auch Selbstlosigkeit und somit auch das kritische Hinterfragen und Wissen um das Ausbeuten von Tier, Umwelt und Mensch. Es geht um jeden einzelnen Beitrag, den ICH persönlich jeden Tag zugunsten MEINER Umwelt aufs Neue einbringen kann und will.

Dazu gehört, nicht immer nur an sich zu denken und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, gesellschaftskritisch interessiert zu sein und sein eigenes Handeln zu beobachten und zu überdenken. Dazu gehört, Dinge verändern zu wollen und auch mal ein bisschen weiter als bis zum eigenen Tellerrand zu schauen.

Obwohl ich ein Verfechter des Veganismus bin, auch ich bin nicht unfehlbar und mein Leben in all seinen Bestandteilen ist auf sicher noch nicht gänzlich auf vegan umgestellt: tierische Inhaltsstoffe in Medikamenten, tierisches Cholesterin in LCD-Displays, Schellack (Ausscheidungen der Lackschildläuse, E-Nummer 904) in Farben und Lacken, Tierblutbestandteile in Pressspan, tierische Gelatine in Fotoabzügen oder knochenhaltiger Leim in Büchern mit Pappeinband – um nur einige zu nennen. Veganismus bleibt vielleicht also immer nur ein Kompromiss – ein Kompromiss, den ich persönlich dennoch sehr gern eingehe und so weit wie nur möglich lebe.

Denn Veganismus ist (m)eine ganz persönliche Überzeugung.

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Worauf ist ein jeder bereit zu verzichten?

In der Tat ist die vegane Ernährungs- und Lebensweise für viele häufig mit einem gewissen Verzicht verbunden. Vorher so selbstverständlich genossene Käsespezialitäten oder Wurst- und Fleischdelikatessen scheinen von nun an nur selten adäquat und in Verbindung mit gemütlichen Abenden ersetzt werden zu können. Gewohnte Freizeitaktivitäten und Gepflogenheiten wie Zoo- und Zirkusbesuche, das nette Beisammensein mit Freunden im Lieblingssteakhouse und das Mal-eben-die-Kinder-mit-dem-Auto-zur-nahe-gelegenen-Schule-Bringen wollen plötzlich überdacht werden.

Der Verzicht auf tierische Produkte fällt mir persönlich in keiner Weise schwer, da ich bei jedem veganen Happen und jedem veganen Schluck voller Demut daran erinnert werde, wie viel Leid ich damit den Tieren – unabhängig davon, ob in konventioneller oder in Bioaufzucht gehalten, – ersparen kann. Auch verzichte ich so weit wie möglich auf unnötige Autofahrten und starte mein Auto nicht, um beispielsweise kurz zum nächsten Bäcker zu fahren. Mehrere Erledigungen werden idealerweise geplant und mit einer Fahrt verbunden. Zoo- und Zirkusbesuche kommen für mich mitnichten infrage. Putz- und Waschmittel sowie Pflegeprodukte sind ausschließlich vegan, und (vegane) Lebensmittel kaufe ich mit Bedacht und mit dem Ziel ein, so wenig wie möglich wegwerfen zu müssen.

Das bedeutet für mich aber auch, mich weitestgehend von der Masse in einer gewissen Art und Weise zu „differenzieren“, meinen persönlichen Weg zu gehen und mich selbst wahrzunehmen – ohne künstliche Bespaßung und erst recht nicht auf Kosten von Tier und Umwelt, ohne Manipulation durch Medien (im Übrigen ein sehr interessanter Artikel zu diesem Thema zu lesen beim Zentrum der Gesundheit » [Artikel zuletzt abgerufen am 01.10.2017]) und ohne Tappen in die Konsumfalle, verbunden mit einem bewussten Umgang mit Geld. Ziemlich langweilig, könnte man meinen – ist es aber nicht. Es macht – mich persönlich – demütig, ehrfürchtig und dankbar, derart bewusst leben zu dürfen. Dieses Bewusstsein und die Liebe zu Tier, Natur und Umwelt sind so viel mehr wert als jeglicher materielle Besitz.

Doch ein Verzicht und somit ein bewusster und nachhaltiger Umgang mit uns selbst und unseren natürlichen Ressourcen müsste noch viel weitergehen: Zunehmende Weltbevölkerung, wiederholt belastete oder gammelige Lebensmittel, stetige Produktion von Konsumgütern und flächendeckende Bebauung tragen zum täglichen Raubbau an natürlichen Ressourcen bei und sind nicht selten Ausdruck von Unersättlichkeit und Kapitalismus, aber auch Bildungsmangel und Perspektivlosigkeit. Beispiel: Dem Statistischen Bundesamt » (Artikel zuletzt abgerufen am 01.10.2017) zufolge wuchs in Deutschland die Siedlungs- und Verkehrsfläche, z. B. Gebäudeflächen, Straßen, aber auch Grünanlagen und Friedhofsflächen » (Artikel zuletzt abgerufen am 01.10.2017) in den Jahren 2012 bis 2015 täglich um 66 Hektar! Davon, so Schätzungen, beträgt der Versiegelungsgrad der Siedlungs- und Verkehrsflächen 43 bis 50 Prozent!

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Überzeugung, Ideologie, Religion, Zeiterscheinung? Was denn nun?

Oft wird hinterfragt, ob es bei der veganen Ernährungs- und Lebensweise um Ideologie, Ethik, Dogma, Moral, Religion oder simpel um eine Zeiterscheinung geht. Denn obwohl Ideologie beispielsweise einer gewissen Einseitigkeit vorausgeht, muss sie jedoch per se – sofern sie einer freiwilligen und persönlichen Wertvorstellung entspricht – nicht negativ betrachtet werden und ist letzten Endes eine Überzeugung.

So resultiert diese eine Überzeugung vielleicht aus alledem? Ob nun Fitness und Gesundheit, die Liebe zu Tieren, Ideologie, Religion oder Ethik – jeder vegan Lebende hat seine eigene Einstellung zu einer veganen Ernährungs- bzw. Lebensweise; seine eigenen Beweggründe, seine eigene Überzeugung. Ich persönlich finde jedoch, nur wenn all diese Gründe zu einem bewussten und ehrlichen Veganismus führen und das Wohl von Tier, Mensch und Umwelt und bestenfalls eine ganzheitliche und nachhaltige Denkweise nach sich ziehen und nicht einem trendigen und gar oberflächlichen Lifestyle zugeordnet werden müssen, ist das „Ziel“ erreicht! Das Hinterfragen der Sinnhaftigkeit von einzelnen Beweggründen und dass Befassen mit Synonymien erübrigt sich dabei fast von selbst.

Dennoch – eine These kann ich bei all der Diskussion um eine vegane Ernährungs- und Lebensweise und das überhebliche Belächeln der Veganer durch Omnivore (kleine Anmerkung: Skandale um  Gammelfleisch, verseuchte Hühnereier, Antibiotika in Fleisch- und Milchprodukten, Pferdefleisch in Lasagne – wer müsste hier eigentlich wen belächeln …?) nicht gelten lassen: Die vermeintlich geschichtliche Vergangenheit, die Menschen hätten bereits seit jeher Tiere gejagt, deren Fleisch verspeist und die Überreste verwertet und vegane Ernährung wäre somit ein „unnatürliches“ Verhalten. Denn diese Vergangenheit geht mit der heutigen Lebensart, der „modernen“ Tierhaltung und dem drastischen Fleischkonsum nicht mehr konform, da es heute in der westlichen Welt nicht mehr um das nackte Überleben geht, sondern vielmehr nur noch um Massenkonsum, um Nicht-mehr-verzichten-Wollen und um die Angst, der andere könnte mehr abbekommen oder haben als man selbst. Im Grunde sind es sowieso nur diejenigen Menschen, die derartige Thesen aufstellen, die uninformiert sind oder eine Entschuldigung für ihr omnivores Ess- und Lebensverhalten suchen und daher das Vegansein negieren.

Hier einmal ein Rechenbeispiel zum unbekümmerten und unbändigen Fleischkonsum: In Deutschland wurden laut der Albert Schweitzer Stiftung – unter Berufung auf das Statistische Bundesamt » (Artikel zuletzt abgerufen am 01.10.2017) – im Jahre 2016 über 750 Mio. Tiere geschlachtet » (Artikel zuletzt abgerufen am 01.10.2017)! Eine durchdachte Ernährungs- und Lebensform, eine nachhaltigere Produktions- und Konsumweise und somit der bewusste Verzicht auf Fleisch von nur 1 % pro Jahr könnten somit 7,5 Mio. Tieren das unvorstellbare Leid während der Aufzucht, der Haltung und der Schlachtung erspart werden! Ein empathischer Gedanke, der es durchaus wert ist, intensiver verfolgt zu werden! Nicht wahr?

Ein zunehmender Verzicht und der damit verbundene Rückgang von Massenkonsum ist sicher nicht im wirtschaftlichen Interesse der Industrieunternehmen und wird unweigerlich durch die Lobbyisten zu verhindern versucht.

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„Dann ess und leb ich eben fair und bio!“

Sind Fair-Trade- und Bioprodukte bei einer veganen Ernährungs- bzw. Lebens­weise wirklich eine Alternative?

In der Milchproduktion können meines Erachtens Milchprodukte auch durch ein Biosiegel auf Dauer nicht optimal ersetzt werden, denn auch Biohöfe dürfen beispielsweise Anbindehaltung für Kühe anwenden. Außerdem können milchgebende Mutterkühe (oft ja auch als „Milchkühe“ deklariert) nur Milch geben, wenn sie – wie bei allen Säugetieren und somit auch Menschen – Kälbchen gebärt haben. Und das müssen sie, nämlich 1-mal im Jahr – trotz Biohaltung!
Nur – anders als bei den Menschen, wo der Nachwuchs nach der Geburt idealerweise bei Mutter und/oder Vater verbleibt, werden den Mütterkühen die Kälbchen weggenommen – unter anderem für die Herstellung von Kalbfleisch und tierischem Lab.

Im Hinblick darauf ist daher also auch Bioware nicht die allheilige Lösung und vielmehr ein weiterer lukrativer Wirtschaftszweig. Na ja, und ein Biosiegel kann das (schlechte) Gewissen ungemein beruhigen …

Die Frage ist zudem, inwieweit wir mit fair gehandelten Produkten unseren Beitrag zu einer ganzheitlichen und nachhaltigen veganen Lebensweise überhaupt leisten können? Wie „fair“ und „sicher“ sind zum Beispiel „Fairtrade“-Siegel gekennzeichnete Produkte, die besonderen ökologischen und sozialen Kriterien unterzogen werden?

Denn – selbst wenn wir uns für eine „faire“ und biologische Ernährungs- und Lebensweise entschieden – inwieweit kann diese „fair“ und bio sein, wenn Lebensmittel und Waren mit Schweröl (im Übrigen Sondermüll) angetriebenen Frachtschiffen in Zielhäfen verschifft und per LKW ins regionale Umland weitertransportiert werden? Muss hier nicht der vegane Gedanke gleichermaßen ansetzen?

Natürlich ist hier auch die internationale Politik gefragt, um beispielsweise dem Klimawandel, der Tiertötung aus „kulturellen“ und kommerziellen Gründen wie auch dem blockierenden und re­ak­ti­o­nären Lobbyismus entgegenzuwirken. Als hätten wir auch eine andere Wahl! Die Ratifizierung des Klimaabkommens (tritt 2020 in Kraft) und des damit verbundenen internationalen Klimavertrages sowie ihre anstandslose verbindliche Wirkung sind hier das Mindeste – ohne Wahlfreiheit für einzelne Staaten!

Und solange die Industriestaaten – und damit jeder einzelne von uns – die strukturellen Missstände der sogenannten „Entwicklungsländer“ kompensieren müssen, kann kein globaler Wandel stattfinden, um beispielsweise den essenziellen ökologischen (z. B. Umweltverschmutzung und Umweltausbeutung) und gesellschaftlich-kulturellen (z. B. mangelnde Bildung) Fehlentwicklungen abhelfen zu können.

Leider muss das komplette Wirtschaftssystem, in welchem wir uns tagtäglich kreisen, am Laufen gehalten werden. Das zeigt sich täglich aufs Neue; der Hype um die vegane Ernährung mit oftmals total überzogenen Preisen ist ein Teil davon. Bestes Beispiel: Eine Packung (150 g) mit veganem Frischkäse „Veganer Streichgenuss cremig-frisch“ von Simply V zu 2,99 € pro Packung versus eine Packung (200 g) mit „echtem“ Frischkäse „Frischkäse natur“ von TiP (Real) zu 0,66 € pro Packung! Meiner Meinung nach steht das in keiner Relation zueinander und ist schlicht und ergreifend ein Ausnutzen des Vegan-Hypes! Hauptsache, es ist immer schön „vegan“ aufgedruckt! Hier scheinen Mandeln mehr wert zu sein als das einzelne Leben eines Tieres!

Tiere sind – neben Kindern sowie alten und/oder kranken Menschen – das schwächste Glied in unserem gesellschaftlichen Lebenskreislauf und von dem abhängig, was wir ihnen bieten, wie wir mit ihnen umgehen und welchen Raum wir ihnen letzten Endes zum Leben lassen.

Was also bedeutet „vegan“, „fair“ oder „bio“ wirklich? Auf jeden Fall mehr als nur „Lifestyle“ und Mitleid!

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